sich selbst umarmen

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Eine Begegnungskulisse hatte ich mir ausgedacht, wie ein Ritual: Wir trafen uns immer am Lagerfeuer, unsere Pferde grasten in der Nähe, meins was haselnussbraun und seins war schwarz.
Kleinerstern hatte schwarze, lange, glatte Haare und eine dunklere Haut als meine, große braune Augen und er war natürlich wunderschön. Und stark!
Vielleicht hatte ich im Pfarreikino in einem Western-Film das Aussehen von einem ähnlichen jungen Indianer aufgeschnappt, von einem, der sich mit nacktem Oberkörper, einem Band um die Stirn, einer Perlenkette um den Hals, wild auf seinem Pferd, den Bogen gespannt, ins Gemetzele stürzte, von einer Gewehrkugel getroffen wurde und schreiend mit offenen Armen vom Sattel nach hinten runterflog. Eine von den unzähligen Indianischen-Sterbe-Szenen in den Filmen, die ich als Kind sah. Wenn er verletzt war, und das kam oft vor, weil wir ständig Kämpfe und Hinterhalte spielten, dann pflegte ich ihn wahnsinnig liebevoll: Ich kochte ihm irgendwelche Heilkräuter in einem kleinen Topf überm offenen Feuer, Kamille, weil ich das von Mutter kannte, mit viel Zucker drin, ich verband ihm die Wunden, ich zog ihn aus-um-an, ich streichelte ihn in den Schlaf.
All das konnte ich inzwischen so gut wie ein Weltmeister, ich wusste, wie es sich anfühlt, ich wiederholte die Berührungen, die ich an den Malmö-Geschwistern geübt hatte, Haut an Haut, weil ich keine Sonnenmilch mehr brauchte, mit vielen eigenen Verfeinerungen, damit er sich noch wohler, noch wärmer und geborgener fühlen konnte. Ich musste beide Rollen spielen, es war aber nie anstrengend, ich brachte nichts durcheinander: Wenn ich ich war, dann war ich es ganz und gar, wenn ich er war, dann war ich mit Haut und Knochen ein junger Indianer, kein Problem.

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Klar, es war Selbstbefriedigung. Eine langsame, sehr zärtliche Selbstbefriedigung, ohne sich wirklich anzufassen, nur in Gedanken, eine Selbstbefriedigung mit dem Herzen, anstatt mit den Händen, natürlich gab es auch Höhepunkte, massig davon.
Wenn wir uns wiedertrafen, nachdem einer von uns in Gefangenschaft gewesen war, oder wenn Kleinerstern dachte, ich bin tot und dann doch wieder lebendig, in solchen Situationen freuten wir uns so sehr, dass wir uns hatten, so wahnsinnig sehr, dass wir uns in die Arme fielen und anfingen, vor so großer Freude, zu heulen.
Ich heulte wirklich in meinem Bett, ich weiß nicht, wie ich das erklären kann, aber ich spürte die Freude, ihn ganz doll an meinem Körper drücken zu können, und im selben Augenblick spürte ich den Schmerz, mich selbst umarmen zu müssen. Manchmal weinte ich still und lange, bis ich einschlief, oft träumte ich von ihm.
Es waren immer liebe Träume, wo nichts Böses passierte, Kleinerstern war mal mein Traumbruder, oder der junge Sohn von dem Tischler, der seine Werkstatt ein paar Straßen weiter hatte, und einmal, das werde ich nie vergessen, war er sogar mein Ehemann, wir hatten gerade geheiratet! Beim Aufwachen fühlte sich dieser Traum dann so seltsam an, ich war völlig verwirrt, von so einem Kram hatte ich noch nie geträumt, es konnte nicht angehen, dass ich einen Jungen heiratete, oder doch? Konnte er überhaupt gut kochen?

Das Spiel, das ich am allerliebsten mit ihm spielte, war, dass wir beide zu zwei verschiedenen Clans gehörten, ich war Apache, er war Sioux, und wir waren furchtbar verfeindet, unsere Leute hassten sich und brachten sich reihenweise untereinander um. Kleinerstern und ich aber, waren ganz stark befreundet, wir konnten nicht ohne den anderen leben, nicht essen, nicht reiten, nicht mal Fallen stellen, wir waren halt nix, wenn wir nicht zusammenkommen konnten.
Was wir alles anstellten, um uns, von den anderen unbemerkt, zu treffen! Wir ritten nachts über die höchsten Berge, tagsüber versteckten wir uns in Bärenhöhlen, wir schliefen auf dem Sattel, wir aßen nur noch Beeren und Wurzeln, wir tranken an Wildbächen und dann endlich! Endlich trafen wir uns wieder: Völlig zerrisssen, verdreckt, die Mokassins ein einziges Loch, ausgehungert, todmüde und überglücklich!

Mein lieber, mein kleiner, mein starker, süßer, schöner Kleinerstern, jetzt habe ich von dir erzählt und alles verraten, nimm’s mir nicht übel, wenn ich gesagt habe, dass unsere Spiele Selbstbefriedigung waren, damit will ich sie überhaupt nicht runterputzen, aber ich konnte es mit zehn nicht ausdrücken, ich konnte mit dir nicht Liebe machen, dir sagen, wie wahnsinnig gerne ich dich in echt geküsst hätte. Ich hatte keine Ahnung davon, obwohl ich von Liebe und Treue schon viel verstand, und dich habe ich als allerersten so stark geliebt. Glaube mir, so viel Schönes habe ich später mit niemandem anderen mehr erlebt.